„Humor ist keine Flucht vor der Realität – sondern die intelligenteste Art, ihr zu begegnen.“

„Humor ist keine Flucht vor der Realität – sondern die intelligenteste Art, ihr zu begegnen.“

„Humor ist keine Flucht vor der Realität – sondern die intelligenteste Art, ihr zu begegnen.“

Der Physiker, Bestsellerautor und Kabarettist hat sich vom Wissenschaftserklärer zum scharfsinnigen Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen entwickelt. Mit seinem aktuellen – und zugleich letzten – Bühnenprogramm „Vince of Change“ zieht er Bilanz: über den Wandel unserer Gesellschaft, über Deuts…

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Vince Ebert ist jemand, der treffsicher Witz und Wissenschaft verbindet, indem er komplexe Zusammenhänge mit analytischem Scharfsinn und feinem Humor auf den Punkt bringt.

Der Physiker, Bestsellerautor und Kabarettist hat sich vom Wissenschaftserklärer zum scharfsinnigen Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen entwickelt. Mit seinem aktuellen – und zugleich letzten – Bühnenprogramm „Vince of Change“ zieht er Bilanz: über den Wandel unserer Gesellschaft, über Deutschlands Zukunft, über Eigenverantwortung und über das Denken. Vor seinem Auftritt im STADEUM sprach er mit Stader Brise Redakteurin Julia Balzer über sein Abschiedsprogramm, mentale Rezessionen, Humor in schwierigen Zeiten und darüber, weshalb er sich lieber auf dem Höhepunkt verabschiedet als im kreativen Leerlauf.

Vince, Ihr neues Programm heißt „Vince of Change“. Worum geht es? Eigentlich geht es um Veränderungen – und zwar um die Veränderungen, die ich in fast 30 Jahren auf der Bühne erlebt habe. Gesellschaftlich, technologisch, politisch. Im ersten Teil schaue ich auf das, was sich in unserem Alltag verändert hat. Da ist das Programm durchaus ein bisschen „Boomer-Programm“. Ich versuche, die Generation zu verteidigen, die heute oft so behandelt wird, als hätte sie sämtliche Probleme der Welt verursacht. Natürlich war früher nicht alles besser. Aber so schlecht, wie heute manchmal über die Achtziger- oder Neunzigerjahre gesprochen wird, war es eben auch nicht. Ich finde, wir neigen inzwischen dazu, Gefühle und Befindlichkeiten sehr stark in den Mittelpunkt zu stellen. Das darf man durchaus hinterfragen. Im zweiten Teil wird es dann ernster. Da geht es um Migration, wirtschaftliche Unsicherheit und die Frage, warum so viele Menschen das Gefühl haben, dass Deutschland den Anschluss verliert.

Sie sprechen von einer „mentalen Rezession“. Was meinen Sie damit? Wir reden ständig über wirtschaftliche Rezessionen. Ich glaube aber, dass die eigentliche Krise eine mentale ist. Viele Menschen wissen nicht mehr, wohin sich Deutschland und Westeuropa entwickeln. Diese Unsicherheit spürt man überall. Ich liefere auf der Bühne keine politischen Lösungen, aber allein darüber zu sprechen, scheint vielen Zuschauern gutzutun. Ich bekomme nach den Vorstellungen oft gesagt: „Sie sprechen uns aus der Seele.“ Das bedeutet nicht, dass alle meiner Meinung sein müssen. Aber offenbar gibt es ein Bedürfnis, diese Themen offen anzusprechen, ohne sofort in ideologische Schubladen gesteckt zu werden.

Gleichzeitig verlassen die Zuschauer Ihre Vorstellungen nicht deprimiert. Das wäre auch ein schlechtes Kabarettprogramm. Natürlich spreche ich ernste Themen an. Aber Humor hilft dabei, Dinge auszuhalten. Man darf die Realität nicht beschönigen, aber man muss sie auch nicht so erzählen, dass alle mit hängenden Schultern nach Hause gehen. Ich glaube, mir gelingt eine Gratwanderung zwischen Nachdenklichkeit und Zuversicht. Die Leute gehen mit einem Lächeln hinaus – und hoffentlich auch mit ein paar neuen Gedanken.

Viele Menschen empfinden tatsächlich, dass Deutschland schwierige Zeiten erlebt. Ist dieser Eindruck berechtigt? Ich reise beruflich um die ganze Welt. Wenn ich sechs Wochen in Australien unterwegs bin, stelle ich fest: Dort ist die Stimmung hervorragend. Die wirtschaftlichen Zahlen stimmen, die Menschen schauen optimistisch nach vorne. In Polen ebenso. Auch Gespräche mit Managern aus Südostasien sind oft sehr aufschlussreich. Die erzählen mir: Vor 25 Jahren sind sie nach Deutschland gekommen und waren beeindruckt von Effizienz, Ingenieurskunst und Innovationskraft. Heute kommen sie wieder – und fragen sich, was eigentlich passiert ist. Diese Außenperspektive ist manchmal ernüchternd.

Woran liegt das? Es wäre viel zu einfach, ausschließlich die Politik verantwortlich zu machen. Mein erstes Bühnenprogramm hieß „Denken lohnt sich“, mein erstes Buch „Denken Sie selbst … sonst tun es andere für Sie“. Damals bezog sich das vor allem auf Wissenschaft. Ich wollte Menschen dazu bringen, Behauptungen zu hinterfragen, Experimente ernst zu nehmen und Autoritäten nicht blind zu glauben. Heute gilt das für gesellschaftliche Fragen genauso. Wir haben jahrzehntelang vieles an Politik und Staat delegiert und gehofft, dass andere unsere Probleme lösen. Ich glaube aber, dass eine freie Gesellschaft nur funktioniert, wenn ihre Bürger bereit sind, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Sie sprechen im Programm auch von einer zu hohen Staatsquote. Ja. Wir haben immer mehr Bereiche, die vom Staat organisiert werden, gleichzeitig steigen Sozialausgaben und Bürokratie, während die Produktivität zurückgeht. Ich trete häufig bei Unternehmen, Verbänden oder Institutionen auf. Da sagen mir viele Menschen im persönlichen Gespräch: „Eigentlich wissen wir, dass manches Unsinn ist.“ Aber niemand spricht es öffentlich aus. Das ist menschlich. Wer Familie hat und seine Miete bezahlen muss, überlegt sich dreimal, ob er seinen Arbeitsplatz infrage stellt.

Sie kritisieren also weniger einzelne Politiker als eine gesellschaftliche Haltung? Genau. Ich war nie der klassische Politikabarettist, der sich eine Partei aussucht und auf sie eindrischt. Mich interessiert vielmehr die Frage: Welche Verantwortung trägt jeder Einzelne? Mein Appell lautet: Schimpft nicht ständig auf „die da oben“. Überlegt zuerst, was ihr selbst verändern könnt. Momentan erleben wir eine merkwürdige Gleichzeitigkeit. In Teilen der Industrie herrscht echte Sorge. Wenn Automobilkonzerne tausende Stellen abbauen, merken plötzlich auch hochqualifizierte Ingenieure, dass nichts selbstverständlich ist. Gleichzeitig gibt es Bereiche, in denen viele Menschen sagen: „Bei mir läuft doch alles.“ Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen machen die gesellschaftliche Debatte so schwierig.

Sie schauen häufig über Deutschlands Grenzen hinaus. Gibt es Länder, von denen wir lernen könnten? Ich bin ein großer Fan der Schweiz. Dort gibt es deutlich mehr direkte Demokratie. Bürger werden viel stärker in Entscheidungen eingebunden. Wenn dort über eine neue Brücke abgestimmt wird, erfahren die Menschen gleichzeitig, was diese kostet und worauf man im Gegenzug verzichten müsste. Dadurch entsteht Verantwortung. Man entscheidet nicht abstrakt, sondern ganz konkret. Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen.

Trotz aller Kritik sehen Sie durchaus positive Entwicklungen … Natürlich. Noch nie hatten junge Menschen so viele internationale Möglichkeiten. Wer Sprachen lernt, Auslandserfahrungen sammelt und sich international orientiert, hat heute Chancen, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Und eines darf man ebenfalls nicht vergessen: Die schlechte Stimmung, die wir derzeit in Deutschland erleben, ist keineswegs repräsentativ für die Welt. Selbst innerhalb Europas gibt es Länder mit hoher Wachstumsdynamik und großem Optimismus. Manchmal lohnt es sich, den Blick einfach über den eigenen Tellerrand hinaus zu richten.

„Vince of Change“ wird Ihr letztes Bühnenprogramm sein. Warum hören Sie auf? Weil ich das Gefühl habe, alles gesagt zu haben. Ich wollte immer dann abtreten, solange die Theater noch voll sind und meine Performance das Publikum bewegt. Ich bewundere Menschen, die den richtigen Zeitpunkt für ihren Abschied finden. Philipp Lahm ist für mich ein gutes Beispiel. Er hörte nach der Weltmeisterschaft auf, obwohl er problemlos noch Jahre hätte spielen können. Genau das möchte ich auch.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen heute mit auf den Weg geben? Selbst denken. Skeptisch bleiben. Und den eigenen Verstand benutzen. Und sich nicht von jeder aktuellen Stimmung anstecken lassen. Außerdem würde ich jungen Leuten heute sogar häufiger zu einer handwerklichen Ausbildung raten. Früher habe ich immer gesagt: Bildung, Studium, Universität. Heute sehe ich viele Handwerksbetriebe, die kaum Nachwuchs finden und sich vor Aufträgen nicht retten können. Ich lebe in Wien. Die Handwerker, die ich kenne, haben Vollbeschäftigung. Und ich sage im Programm einen Satz, der vielleicht etwas provokant klingt: „Ein Fliesenleger hat vielleicht einen kaputten Rücken – aber selten einen Burn-out.“ Er sieht am Ende des Tages, was er geschaffen hat. Das hat durchaus etwas Erfüllendes.

Zum Schluss: Warum brauchen wir gerade jetzt Kabarett? Weil Humor gerade in schwierigen Zeiten unverzichtbar ist. Die Hofnarren hatten historisch oft die größte Freiheit, Wahrheiten auszusprechen. Vielleicht gilt das heute noch immer. Humor ist keine Verharmlosung. Er ist eine Form von Erkenntnis. Und manchmal hilft ein Lachen dabei, die Realität klarer zu sehen.

Tickets

www.stadeum.de
Vince Ebert – Vince of Change
Samstag, 24. Oktober 2026
STADEUM
präsentiert von den Stadtwerken Stade.

Zur Person

Vince Ebert wurde 1968 im fränkischen Amorbach geboren und studierte Physik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Bevor er Kabarettist wurde, arbeitete er als Unternehmensberater. Bekannt wurde er zunächst mit Wissenschaftskabarett, das komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge verständlich und unterhaltsam erklärte. Seine Bücher – darunter „Denken Sie selbst … sonst tun es andere für Sie“ oder „Unberechenbar“ – wurden Bestseller. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und war regelmäßig in Fernsehen und Hörfunk präsent. Mit „Vince of Change“ verabschiedet sich einer der bekanntesten deutschen Kabarettisten nach rund drei Jahrzehnten von der Bühne – nicht leise, sondern mit Humor, analytischem Blick und einer letzten Einladung.

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