Karten kosten 17 bis 33,50 Euro und sind erhältlich unter 0 41 41/ 40 91 40, bei allen Stadeum-Vorverkaufs­stellen sowie im Internet. © CANDY WELZ

Vorhang auf für… Corona!

Ein künstlerisches Experiment mit der Pandemie

Im STADEUM wird – wenn alles gut geht – am 10. April 2021 das Stück „Five Deleted Messages“ aufgeführt. Ein im ersten Lockdown entstandenes Werk des gefeierten Autors und Regisseurs Falk Richter, der darin die gesellschaftlichen Folgen des Lockdowns verarbeitet. Insbesondere die Thesen der Corona-Leugner werden thematisiert, die nach allzu einfachen Erklärungen suchen. Hauptdarsteller ist Dimitrij Schaad, der für seine schauspielerische Leistung bereits sehr viel positive Kritiken erhalten hat. Stader Brise Redakteurin Julia Balzer sprach mit dem Regisseur Falk Richter.

Herr Richter, wie muss man sich das Stück vorstellen? Der Hauptdarsteller „K.“ sollte die Theaterrolle seines Lebens spielen, Goethes Faust. Dann kam Corona, die Aufführungen werden abgesagt… 

Das Stück habe ich als unmittelbare Reaktion auf den ersten Lockdown im März 2020 geschrieben. Wir alle fanden uns plötzlich in einer völlig neuen Situation wieder: Alle Planungen mussten über den Haufen geworfen werden, niemand wusste mehr, wie es weitergehen würde. Das war ein Schock. Für viele Menschen änderte sich ihr Leben schlagartig und es war nicht immer einfach, damit klar zu kommen. Meine Hauptfigur sollte den Faust spielen, war aber durch den Lockdown plötzlich mit einem Auftrittsverbot belegt und verlor die Arbeit. Der „Faust“ steht in meinem Stück auch als Metapher für den westlichen Menschen, der nach Ursachen forscht, der herausfinden will, was hinter dieser Pandemie stecken könnte. Der die Nacht durchwacht und sich nach Rausch und Erkenntnis sehnt. 

Autor und Regisseur: Falk Richter © Esra Rotthoff

Sein Leben verändert sich von einem Tag auf den anderen, so ergeht es auch vielen anderen Menschen. „K.“ sieht hinter dem Lockdown eine Verschwörung Björn Höckes und Thomas Kemmerichs. Warum vermutet er das?

Das ist eine satirische Überhöhung. Kurz bevor Corona die Medien beherrschte, haben wir in Deutschland mit Erschrecken die Bereitschaft der FDP und CDU Thüringen diskutiert, mit der AfD politisch gemeinsame Sache zu machen. Kemmerichs Schulterschluss mit Höcke kann man als Supergau der Demokratie bezeichnen. Ohne die Pandemie wäre seine politische Karriere sicher beendet gewesen, aber da Corona einfach das viel größere und weltumspannendere Thema war, gerieten Kemmerichs „House Of Card“ Winkelzüge schnell in Vergessenheit.  

Wie geht „K.“ mit dem Lockdown um?

Er fühlt sich wieder wie ein Teenager. Mit allen Vor- und Nachteilen. Er will raus, Freunde treffen, tanzen gehen, sich verlieben. Aber seine „Erziehungsberechtigten“ schließen ihn in seinem Jugendzimmer voller schöner und schrecklicher Erinnerungen ein – so fühlt er sich. Er verbringt tagelang auf dem Bett, hört seine Lieblingsmusik von früher, wird der Protagonist von aufregenden, kafkaesken Tagträumen und beginnt Social Distancing-Liebesaffären mit Frauen über Telefon. Er verliert sich in nächtelangen Online-Recherchen, will herausfinden, was hinter dieser Pandemie stecken könnte und stößt auf die wirrsten Verschwörungstheorien. Er kämpft sich auf tragikomische Weise durch eine aufwühlende Zeit.   

Wie gehen die anderen Menschen damit um? Welche Fragen stellen sie sich?

Wie berühren wir uns eigentlich in unserer Gesellschaft? Wie stellen wir Nähe zueinander her? Wie haben wir das eigentlich vor Corona getan? Auch da waren wir ja oft isoliert, haben nur über soziale Medien kommuniziert und hatten nur noch selten direkten Kontakt mit Menschen. Die Extremsituation der sozialen Distanz zeigt uns auch, wie sehr wir Nähe und Gemeinschaft brauchen. Ohne Berührungen werden wir krank. Ohne Menschen, denen wir uns nahe fühlen, denen wir vertrauen, ist unser Leben weniger lebenswert. 

Welche Rolle spielen die Corona-Leugner?

Zu der Zeit, als ich das Stück schrieb, war ich abgestoßen und zugleich fasziniert von dem Wahnsinn, den einige Corona-Leugner so über youtube in die Welt hinausschleuderten. Einige der paranoiden, wirren Texte sind so abstrus, das ist schon absurd komisch. Sowas kann man sich als Schriftsteller kaum ausdenken. Die Corona-Leugner waren anfangs eine bizarre, unfreiwillig komische Gruppierung, die sich dann aber auf gefährliche Weise immer mehr in eine rechtsterroristische Richtung bewegte, sich mit Reichsbürgern und der QAnon Sekte zusammenschloss, bis hin zum „Sturm auf den Reichstag“. Heute empfinde ich sie als eine echte Gefahr für die Demokratie. 

Was lernen wir aus der Pandemie? Die nächste Krise, der Klimawandel, steht vor der Haustür. Lässt uns die Bewältigung der Krise, die einschneidenden Maßnahmen, die einer ganzen Gesellschaft aufgezwungen werden, eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft blicken? 

Ich würde mir sehr wünschen, dass wir als Gesellschaft über die Ursachen der Pandemie diskutieren würden: Die Massentierhaltung, die Zerstörung des natürlichen Lebensraumes für Tiere und Pflanzen durch den Menschen. Wir reden unentwegt über Fallzahlen und Lockerungsmöglichkeiten, aber nie darüber, wie wir die nächsten Pandemien und die Klimakatastrophe verhindern können. Wir reden nicht darüber, dass ein kaputtgespartes Gesundheitssystem die Notsituationen in den Krankenhäusern überhaupt erst herbeigeführt hat. Ich wünsche mir ein gut ausgearbeitetes Konzept von Herrn Söder und Frau Merkel, wie sie die kommenden Pandemien und Naturkatastrophen verhindern wollen: Wie müssen wir anders produzieren, anders konsumieren, anders leben, damit wir diesen Planeten und uns nicht komplett zerstören. 

Was wünschen Sie sich, mit welchen Gedanken gehen die Menschen nach der Aufführung nach Hause?

Corona gibt uns einen Vorgeschmack darauf, wie unser Leben in Zukunft aussehen könnte, wenn wir nicht sehr bald gegensteuern. Dieser Planet und unser Leben darauf sind wunderschön, sie sind alles, was wir haben. Lasst uns nicht so verrückt sein, dies alles zu zerstören. Und lasst uns gemeinsam einen unterhaltsamen, anregenden Abend im Theater verbringen! 

Herr Richter, vielen Dank für das Gespräch.