Ehrenamtliche vom Verein Alter Hafen machen die „Greundiek“ startklar
Stade. Der Klabautermann hätte längst seine sieben Sachen gepackt und wäre von Bord gegangen. Doch zum Glück gibt es gut zwei Dutzend Männer und eine Frau, die dafür sorgen, dass die „Greundiek“ als maritimer Botschafter der Region Stade auf dem Wasser unterwegs ist. Die neue Saison steht kurz bevor: Darum arbeitet die ganze Crew mit voller Kraft voraus auf dem Motorschiff im Stadthafen.
Bilder Team: © Stief
Ohne sie kommt keiner aufs Schiff

Ute Nadiak ist die einzige Decksfrau auf der „Greundiek“. Und als zertifizierte Kranführerin dafür zuständig, die Gangway mit dem Kran in die richtige Stellung zu zirkeln. 400 Kilo hängen dann am Haken und machen den Weg von Land an Bord frei. Seit zweieinhalb Jahren ist Ute Nadiak dabei und damit eins der jüngsten Crew-Mitglieder. „Ich bin hier sehr gut aufgenommen und eingewiesen worden“, sagt sie. Und freut sich, dass sie von den erfahrenen Fachmännern viel lernen durfte. Was letztlich zum Zertifikat führte. Ihre Lieblingsfahrt ist die nach Rendsburg, wenn es durch den Nord-Ostsee-Kanal geht. Die Einfahrt in die Schleuse in Brunsbüttel ist ein besonderes Erlebnis.
Ohne ihn bleibt alles duster

Bernd Hagenah ist der einzige Elektriker an Bord. Seine Werkzeugtasche ist sein ständiger Begleiter, denn es gibt immer was zu tun. Wie neulich, als er die von Stade aktuell – der Gemeinschaft der Stader Kaufleute und Gastronomen – spendierte Beleuchtung am Schiff anbrachte. Den ganzen Winter über schon leuchtet das Schiff nun in den Abendstunden und gibt ein schönes Bild ab. Gerade muss die Backbordlampe abmontiert werden, davor war es der Anschluss des Separators – ein Gerät, dass Wasser und Öl trennt und damit dem Umweltschutz dient. Überall, wo ein Kabel dranhängt, ist er dabei. Bernd Hagenah koordiniert die Arbeiten an Bord, die mit der Elektrik zu tun haben. Als Meister seines Fachs behält er da den Überblick, aber ein zweiter erfahrener Mann wäre schon gut, sagt der Elektromeister. Auf die bevorstehende Saison freut er sich besonders, weil er endlich mal zum Hafengeburtstag nach Hamburg mitfahren will – das hat er bislang noch nicht geschafft.
Ohne ihn würde der Rost Oberhand behalten

Hans-Georg Lösche gehört zu den Maschinisten, macht aber auch alles Mögliche. Seit
November ist er mit „alles Mögliche“ beschäftigt, denn die Klampen und Klüsen müssen von Rost befreit und auf ein sicheres Metallfundament geschweißt werden. Eine beschwerliche Arbeit, bei der unzählige Schleifscheiben verbraten werden, bis die schweren Metallteile, durch die die dicken Tampen zum Festmachen der „Greundiek“ verlaufen, entrostet sind. Hans-Georg Lösche war selbst Seemann. „Ich konnte aber noch an Land gehen und mir die Hafenstädte ansehen“, erzählt er. Besonders an Brasilien erinnert er sich noch gerne. Heute macht ihn bei den Ausflügen mit der Greundiek das Anlegen nahe der Elbphilharmonie froh.
Ohne ihn liefe die „Greundiek“aus dem Ruder

steht Hanns Feindt (rechts) am Ruder. Neben ihm
Kapitänskollege Gerd Sietas.
Hanns Feindt steht bei den meisten Touren der „Greundiek“ am Steuerrad. Der Grünendeicher war Elblotse, kennt die Elbe und auch den Hamburger Hafen wie seine Westentasche. Und er kennt sich mit der Technik des über 75 Jahre alten Schiffs aus. Weil es keine Bugstrahlruder und keine Festmacherwinden gibt, muss mit viel Gefühl angelegt werden. Hanns Feindt am Ruder und die Festmacher mit den Seilen in der Hand an Land. Am wohlsten fühlt sich der Kapitän, wenn es auf die offene Nordsee hinausgeht, wenn er sagen kann „alles meins“, weil kein anderes Schiff seinen Weg kreuzt. Was auf der Elbe und im Hamburger Hafen so gut wie gar nicht vorkommt.
Ohne sie hätte „Hildegard“ längst schlapp gemacht

geschmiert: die Maschinisten Klaus Kahrs, Manfred
Karrasch, Vicco Meyer
und Karl-Heinz Tiede.
Klaus Kahrs, Manfred Karrasch, Vicco Meyer und Karl-Heinz Tiede gehören zu den Maschinisten auf der „Greundiek“. Dass „Hildegard“, wie der Motor liebevoll genannt wird, noch läuft wie am ersten Tag, ist den Kümmerern im Maschinenraum zu verdanken. Sie halten dort – im Verborgenen – alles in Schuss, damit „Hildegard“ läuft wie geschmiert und die „Greundiek“ ihre Ziele sicher erreicht. Und das tut sie.
Damit das so bleibt und auch die kommende Saison ab Mai wieder erfolgreich wird, stehen der Verein Alter Hafen und seine ehrenamtlichen Helfer mit vielen Eisatzstunden bereit. Dass sie alles richtig machen, ist klar, denn sonst wäre der Klabautermann, der kleine, gutmütige, aber vorwitzige Schiffskobold, schon längst von Bord gegangen und über alle Berge verschwunden.

Wahrzeichen und Botschafter
Die „Greundiek“ gilt als das maritime Wahrzeichen der Region. Das 75 Jahre alte Motorschiff wird vom Verein Alter Hafen gehegt und gepflegt. Seit vielen Jahren schon geht es mit der „Greundiek“ den Sommer über auf Tour. Ausfahrten nach Hamburg, Glückstadt, Rendsburg und Cuxhaven locken viele Gäste aufs Schiff. Auch als Veranstaltungsort für Konzerte ist die „Greundiek“ bekannt. Die „Greundiek“ liegt im Stadthafen und ist seit wenigen Monaten in den Abendstunden illuminiert – eine Spende von Stade aktuell, der Gemeinschaft der Stader Kaufleute und Gastronomen, machte es möglich.
Die „Greundiek“ wurde 1949 auf der Rickmers-Werft in Bremerhaven auf Kiel gelegt. Das Schiff befuhr dann als Hermann-Hans die Gewässer. Es war das zweite von vier Schwesterschiffen und ist als einziges erhalten geblieben.
Der Bau nach Entwürfen des Konstrukteurs Heinz Heinsohn geschah noch unter den Beschränkungen der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg, die ab 1948 den Neubau von Küstenmotorschiffen bis zu einer bestimmten Größe wieder erlaubten. Das Schiff war eines der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gebauten Schiffe und eines der ersten zivilen Schiffe in Vollschweißbauweise überhaupt.
1951 sank die Hermann-Hans vor der Südküste Ölands nach einer Kollision. Das Schiff wurde noch im selben Jahr gehoben und anschließend in Cuxhaven repariert. Dabei wurde das Schiff auch um 13 Meter auf über 46 Meter verlängert, bevor es 1952 wieder in Fahrt gesetzt wurde.
Im Jahr 1986 kaufte der Landkreis Stade das Schiff für die Seefahrtschule in Grünendeich, die an Bord Unterrichtseinheiten für die Ausbildung zum Schiffsmechaniker durchführte. Das Schiff, das jetzt in die Ortsbezeichnung „Greundiek“ umbenannt wurde, bekam einen Liegeplatz in der Lühemündung. Als die Ausbildung von der Seefahrtsschule an die Hamburger Fachhochschule verlegt wurde, benötigte der Landkreis das Schiff für die praktische Ausbildung nicht mehr.
1994 kaufte der Verein Alter Hafen Stade die „Greundiek“ vom Landkreis Stade. Nach ersten Reparaturarbeiten im Dock der Hamburger Norderwerft bekam das Schiff am 22. April des Jahres seinen Liegeplatz im Hafen von Stade. Dort wurde es bis zum Jahr 2000 restauriert und wieder in einen fahrbereiten Zustand gebracht.
Das Schiff, das weitgehend im Originalzustand erhalten ist, ist als technisches Kulturdenkmal in das Verzeichnis der beweglichen Kulturdenkmale Niedersachsens eingetragen. Ende Januar 2003 erhielt der Verein Alter Hafen Stade den Landespreis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung für Denkmalpflege für die Restaurierung des Schiffes.
Noch ein Lob: Die Crew der „Greundiek“ wurde mit einer Bronzetafel der Deutschen Stiftung Denkmalschutz für ihre gelungene denkmalpflegerische Leistung geehrt.
