Man sagt, Tukur hätte seine Tanzkapelle allein nach optischen Gesichtspunkten zusammengestellt. In der Tat besticht die Combo durch gut aussehende Interpreten in vornehm-stilvoller Kleidung, aber ihre große Fan-Gemeinde hat sich die Band über die Jahre hinweg live mit viel Herzblut und charmant-herzerweichenden Programmen auf der Bühne erarbeitet: durch erstklassigen Refraingesang und rassige Rhythmen, unvergleichliche Interpretationen und begnadete Unterhaltung. © Elena Zaucke

„Wer tanzen will, der soll. Unbedingt.
Von mir aus darf auch getrunken und
geraucht werden“…

… sagt Ulrich Tukur über den bevorstehenden Auftritt mit seinen Rhythmus Boys am 28. August im STADEUM. „Rhythmus in Dosen – Das Jubiläumsprogramm!“ heißt das nach einem Foxtrott aus dem Jahr 1942 benannte „virologische Spezialprogramm“, das Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys ihrem Publikum erstmalig im Pandemie-Jahr 2020 vorstellten. Der Künstler im Gespräch mit Stader Brise Redakteurin Julia Balzer über die Entstehung des Programms und das Selbstverständnis der Band.

Stader Brise: Wie möchten Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys lieber bezeichnet werden, als älteste Boygroup der Welt oder als eine elegante Herrenband? 

Ulrich Tukur: Wir sind eine demokratische Tanzkapelle. Wir erarbeiten alles gemeinsam, und am Ende entscheide ich. Ich weiß nicht, wer sich den Quatsch mit der ältesten Boygroup ausgedacht hat. Wir gewiss nicht, denn das sind ja unbestritten die Rolling Stones. Wenn Sie uns also bitte als Erste Deutsche Demokratische Tanzkapelle einführen würden: EDDT. 

Stader Brise: Sie haben die Band 1995 gegründet. Wie kam es dazu? 

Ulrich Tukur: Es bestand schon eine Formation während meiner Tübinger Studentenzeit von 1978 bis 1983: Die Floyd Floodlight Foyer Band (Schleim- und Behelfsjazz, Vorkriegsschlager, Brachialtangos). Dann kam mir das Theater dazwischen, aber die Sehnsucht, wieder Musik machen zu können, ist geblieben. Nach dem Grusical „Blaubarts Orchester“, das ich mit den Hamburger Stadtmusikatzen im Schmidts Tivoli Theater auf der Reeperbahn gespielt habe, war es dann soweit. Ich nahm den kleinwüchsigen Schlagzeuger Herrn Schuster einfach mit, holte meinen alten Gitarristen Herrn Mayer aus dem südchinesischen Back Nang, drückte dem baumlangen Herrn Märtens statt seines E-Basses einen Kontrabass in die Hand und fertig war der Salat. 

Stader Brise: Das Programm „Rhythmus in Dosen“ ist im Pandemie-Jahr 2020 entstanden. War das geplant? 

Ulrich Tukur: Die Pandemie kam ungeplant und überfallartig. Wir hatten ein sensationelles, vierstündiges Programm vorbereitet, das „Liebe, Jazz und Übermut“ hieß. Dann wurde uns gesagt, wir dürften, wenn überhaupt, nur siebzig Minuten lang und ohne Pause musizieren. Und so haben wir umgeschrieben, gekürzt, abgespeckt, zusammengepresst und ein artistisches Konzentrat hergestellt, das wie ein schwarzer, intensiver Café Ristretto daherkommt. Der weckt selbst Tote wieder auf.

Stader Brise: Welchen Einfluss hat die Corona- Zeit auf das Programm? 

Ulrich Tukur: Der pandemische Irrsinn spielt bis auf das Eingangslied, das ich zu diesem Anlass schrieb, keine Rolle. Allerdings wollten wir dem allgemeinen Trübsinn mit etwas Fröhlichkeit zu Leibe rücken. Es ist die vornehmste Aufgabe der Kunst, die Menschen zu verzaubern und ihren psychischen Aggregatszustand positiv zu verändern. Depression hin oder her, Hauptsache gute Laune.

Stader Brise: Verspricht das Programm mehr Entertainment oder Musik? Mehr Klassiker oder mehr Eigenkompositionen? 

Ulrich Tukur: Es ist einfach gute Unterhaltung. Ein konzertanter Abend mit wunderbarer Musik, besser gespielt denn je, mit kabarettistischen, choreographischen und literarischen Einlagen. Etwas, was man nur von den Rhythmus Boys zu sehen und zu hören bekommt. 

Stader Brise: Warum „Rhythmus in Dosen“? 

Ulrich Tukur: Wie ich schon erwähnte, musste unser Programm auf behördliches Geheiß zeitlich begrenzt über die Bühne gehen. Da erinnerte ich mich an einen Instrumentalsong des Tanzorchesters von Lutz Templin aus dem Jahr 1942, der „Rhythmus in Dosen“ hieß. Mir schien das ein passender Titel für einen Abend, der dem verehrten Publico nur noch in kleinen Mengen verabreicht werden durfte. 

Stader Brise: Sie spielen Lieder aus den 1920er Jahren. Was fasziniert Sie an der Musik dieser Zeit? Kann sich das Publikum auf Tanzpalast-Atmosphäre freuen? 

Ulrich Tukur: Wir spielen Jazz, Swing und Tanzmusik aus der Zeit vor 1945. Aus einer Zeit also, in der höchste artistische Qualität, musikalische Ausnahmetalente und ein elegantes Lebensgefühl die populäre Musik bestimmten. Wir spielen sie auf unsere Art. Kein aufgegossener Kaffee, keine Replikate, sondern witzige, skurrile Arrangements, die auch bekannte Titel ganz neu erklingen lassen. Und wer tanzen will, der soll. Unbedingt. Von mir aus darf auch getrunken und geraucht werden.

Der Abend wird präsentiert von der Wohnstätte Stade eG