Milow am Samstag, 15.01.2022, 20:00 Uhr im STADEUM © Rachel Schraven

Ein DeLorean als Symbol für eine Zukunft ohne Corona

Milows Lieder und Texte sind von der heutigen Zeit inspiriert. Das Gespräch führte Julia Balzer

Kannst du kurz etwas über deinen Werdegang erzählen?

Ich mache Musik, seit ich ein kleiner Junge war. Zuerst habe ich Instrumente gespielt und dann, ich glaube, als ich etwa 15 war, habe ich angefangen, mehr und mehr E-Gitarre zu spielen, mehr zu singen und zu versuchen, ein paar Songs zu schreiben. Und dann, zehn Jahre später, 2007, hatte ich meinen Durchbruch in Belgien und zwei Jahre später in vielen Ländern Europas. Damals hatte ich also das Gefühl, dass ich schon eine Art älterer Musiker war. Ich habe schon Musiker gesehen, die zehn Jahre früher ihren Durchbruch hatten…

Aber heute würde ich die Art und Weise, wie ich meinen Weg gefunden habe, gegen nichts eintauschen wollen, weil es ein so langsamer Prozess war. Es war eine sehr organische Entwicklung, ich konnte meine Stimme finden und besser darin werden, Songs zu schreiben und live zu spielen.

Als 2009 die Achterbahnfahrt begann, fühlte ich mich wirklich bereit für alles, was passierte. Denn ich hatte Erfahrung und wusste, dass es nicht normal war, dass die Dinge gut liefen. Ich hatte es schon zehn Jahre lang versucht und hatte einige Erfahrung mit Fernsehauftritten und mit großem Live-Publikum. Und ich hatte eine tolle Band. Ich habe mich also lange Zeit darauf konzentriert, den Durchbruch zu schaffen. Aber kurz nachdem ich dieses Ziel erreicht hatte, fing ich an zu überlegen, wie ich das für eine lange Zeit machen kann, nicht nur wie ein schnelles One-Hit-Wonder und dann wieder verschwinden. Und jetzt, zwölf Jahre später, bin ich so glücklich, dass ich das, was ich tue, immer noch auf dem Niveau tun kann, auf dem ich es tue. Und ich genieße es wirklich, Songs zu schreiben und live aufzutreten. Und ich versuche, ein Leben zu führen, über das es sich lohnt, Songs zu schreiben.

access_alarm

Milow live

Samstag, 15.01.2022, 20:00 Uhr im STADEUM

Du bist in Belgien geboren, aber sprichst sehr gut Deutsch. Wie kommt das?

In Belgien ist Deutsch ist die dritte offizielle Sprache. Sechs Millionen Menschen sprechen hier Niederländisch und fünf Millionen Französisch. Und ich glaube, im Osten Belgiens sprechen auch 30.000 Menschen Deutsch. Ich hatte also ein bisschen Deutsch in der Schule. Aber, um ehrlich zu sein, habe ich erst seit 2009, als ich viel Zeit in deutschsprachigen Ländern verbracht habe, angefangen, es immer besser zu verstehen.

Vor drei Jahren bekam ich eine Einladung für „Sing meinen Song“. Und da haben sie mich gefragt: „Milow, kannst du in der Show Deutsch sprechen?“ Und das war für mich im Grunde der Anlass, mein Deutsch zu verbessern. Denn zu diesem Zeitpunkt verstand ich fast alles, aber ich war nicht gut im Sprechen. Und so habe ich versucht, wirklich an meinem Deutsch zu arbeiten. Aber es ist immer noch einfacher, Englisch zu sprechen und mich auszudrücken.

Aber mein Deutsch ist jetzt besser. Es ist typisch belgisch: Wir wissen, dass nicht viele Leute Niederländisch sprechen werden, also wissen wir, dass wir ein paar andere Sprachen lernen müssen wie Englisch und Französisch. Und ich bin froh, dass Deutsch auch zu den Sprachen gehört, die ich verstehe und spreche. 

Singst du auch mal auf Deutsch?

Das erste Mal, dass ich auf Deutsch gesungen habe, war in der Zeit von „Sing meinen Song“, als ich das Lied „Weiße Tauben“ mit Johannes Oerding gesungen habe. Ich hatte die meisten deutschen Lieder ins Englische übersetzt, aber als ich mir „Weiße Tauben“ anhörte, beschloss ich, dass der Text so perfekt war, dass ich ihn eigentlich nicht ins Englische übersetzen wollte. Er war auf Deutsch besser. Und dieses Lied habe ich dann auch ein paar Mal mit Johannes Oerding bei seinen Konzerten gespielt. Es ist bis heute das einzige deutsche Lied.

Wie hast du die Zeit des Lockdowns erlebt? Hat es etwas mit dir als Mensch und Künstler gemacht?

Das ist eine sehr schwierige Frage, die man nicht in ein paar Zeilen beantworten kann. Also werde ich versuchen, die Antwort zusammenzufassen. Ja, es hat mich definitiv verändert, sowohl als Musiker als auch als Mensch.

Als es Anfang letzten Jahres losging, spürte ich mit allen Sinnen, dass dies ein großer Moment in der Geschichte sein würde, dass wir noch lange danach über Corona reden werden – auch wenn das Danach noch nicht da ist. Und ja, ich habe die Zeit zur Selbstreflexion genutzt, um über meine Musik und über mich als Person nachzudenken. Es hatte definitiv einen tiefgreifenden Einfluss, weil alles, was ich gewohnt war zu tun, wegfiel: Das Reisen, die Konzerte… Und so wurde ich wieder zu der Person ohne diese Dinge, die mich normalerweise definieren. Ich musste also einige Veränderungen vornehmen. Und das war eine interessante Reise für mich.

Aber ich bin froh, sagen zu können, dass diese Zeit mir auch eine Menge Inspiration für neue Musik gegeben hat. Ich habe selten so viele Songs in so kurzer Zeit geschrieben und aufgenommen, also war ich auf kreativer Ebene sehr produktiv. Ich habe bereits ein paar Songs veröffentlicht, wie „Whatever it takes“, „ASAP“ und kürzlich „DeLorean“. Ich habe auch den Soundtrack für den Film von Lauras Stern „First Day Of My Life“, veröffentlicht. Diese Woche und Anfang nächsten Jahres, vor dem Konzert im STADEUM, wird es noch mehr neue Musik und einige andere Songs geben. Ich werde also in den nächsten Monaten damit beginnen, all die Musik zu veröffentlichen, an der ich gearbeitet habe.

Erzähl’ mal was über deinen neuen Song „DeLorean“. Darin beschreibst du, dass du mit jemandem in eine „bessere Zukunft“ fahren möchtest. Wie sähe die aus?

Es ist eigentlich ganz einfach. Ich schrieb einen Song während des Lockdowns und während Corona und ich wollte einfach eine Zeitmaschine finden und in eine Zukunft reisen, in der es kein Corona gibt. So einfach geht’s. Allgemein ist die Idee von Freundschaft oder Liebe natürlich, dass man alles, was kommt, mit jemandem teilen möchte und dass man sehr positiv und optimistisch in die Zukunft blickt. Das ist es, was eine menschliche Verbindung bewirken kann. Die wir aber ein wenig verloren haben, als wir zu Hause bleiben mussten. Es ist eins von vielen Liedern, die von der heutigen Zeit inspiriert sind. Ich war auf der Suche nach Hoffnung und nach Bildern und Metaphern, die mich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen.

Es gibt weltweit nur 9000 DeLorean. Woher hast du so viele für dein Video bekommen 😉 ? Hat das Auto eine Bedeutung für dich?

Der Grund, warum ich das Lied überhaupt geschrieben habe, war auch, dass das Auto in meinem Geburtsjahr 1981 gebaut wurde. In meinem neuen Album benutze ich einige Symbole aus meiner Kindheit, um sie in meinen Liedern zu verwenden. Und es ist wahr, dass der DeLorean eine sehr komplizierte Geschichte hat, es gibt nur 9000 Stück davon. Das ist also nicht viel, aber durch den Film „Zurück in die Zukunft“ wurde das Auto zum Kultsymbol. Es fahren immer noch 6000 davon herum. Das ist eigentlich ziemlich erstaunlich. Es ist ein Auto, das Emotionen hervorruft. Es ist kein schickes Auto, aber es ist ein Auto mit Charakter. Es ist sehr authentisch, und es ist eine Zeitreisemaschine. Und das ist der Grund, warum mich dieses Auto so angezogen hat. Für das Video habe ich, glaube ich, nur sieben benutzt: Fünf für die Szenen in Deutschland, eines für die Szene in Italien und eines für die Szenen in Frankreich. Wir entdeckten, dass es in der Gegend einige DeLorean-Clubs gibt. Und als wir das herausfanden, war es für uns einfach, die Fahrer zu kontaktieren und zu fragen, ob sie an dem Video mitarbeiten wollten. Und es war großartig, dass so viele Leute bereit waren, uns zu helfen. Aber ich glaube, dass dies das erste Video mit so vielen DeLoreans ist.

Wie entstehen deine Texte? 

Sehr schwer zu sagen. Es gibt keine Standardregel, aber meistens ist es so: Es beginnt mit einer Beobachtung, manchmal beginnt es mit einem Songtitel wie zum Beispiel bei „DeLorean“. Und manchmal beginnt es mit einer Geschichte, die passiert ist oder einem Anruf, den ich bekomme. Es kann wirklich mit etwas Kleinem anfangen. Dann schnappe ich mir eine Gitarre oder ein Klavier und baue es so weiter. Aber man kann den Text nie von der Melodie trennen. Es passt immer zusammen, weil ich manchmal eine hoffnungsvolle Melodie mit einem melancholischen Text verwende oder andersherum.

Du spielst im Januar im STADEUM in Stade, einer Kleinstadt im Norden Deutschlands. Spielst du lieber in kleineren Städten oder bevorzugst du größere Bühnen?

Nun, ich muss sagen, ich liebe sehr die Tatsache, dass ich beides tun kann. Während des Konzerts spüre ich, dass wir willkommen sind – ob die Menschen meine Musik gut kennen oder nicht so gut. Es scheint, dass die Leute sehr dankbar sind, wenn ich in ihre Stadt komme, um zu spielen. Das ist so ein schönes Gefühl, also habe ich keine Präferenz. Es gibt tolle Momente in größeren Städten und bei größeren Menschenmengen, aber ich liebe auch die kleinen Konzerte. Ich versuche alle paar Jahre in Städten zu spielen, in denen ich noch nicht so oft war.

Worauf kann sich das Publikum freuen?

Nun, im Januar wird es die erste komplette Bandshow des Jahres 2022 sein, das ist also immer etwas Besonderes. Wir werden viele glückliche Gesichter auf der Bühne haben, weil wir uns immer so freuen, wenn wir uns nach einer kleinen Pause wiedersehen. Ja, wir spielen viele neue Songs des Albums, an dem ich arbeite und die schon veröffentlicht wurden. Ich versuche einfach, eine schöne Mischung aus Songs zu finden, die seit Beginn meiner Karriere veröffentlicht wurden. Wir verbinden dann die Punkte und ich erzähle zwischen den Songs viele Geschichten darüber, wie ich die Songs geschrieben habe und warum. Ich habe wirklich eine tolle Band, die auch glänzen wird. Und es wird schöne akustische Momente geben, aber auch einige Momente voller Energie. Ich freue mich sehr darauf!

Wirst du einen kleinen Rundgang durch die alte Hansestadt machen?

Ich hoffe – wenn ich die Zeit dazu habe. Denn es wird mein allererstes Mal in Stade sein, also hoffe ich, dass ich einige Sehenswürdigkeiten sehen kann. Ich freue mich darauf. 

Vielen Dank für das Gespräch, Milow.

Ich danke dir sehr.  Wir sehen uns im Januar, bis dahin!