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Ihre Songs sind Tagebuch und beste Freundin gleichermaßen

Mit ihren bisherigen zwei Alben legte LOTTE eine Bilderbuchkarriere hin: entdeckt bei einem Vorspiel, folgt der große Plattenvertrag für die Ravensburgerin mit gerade mal 19 Jahren. Anschließend zwei erfolgreiche Alben, ausverkaufte Tourneen, TV-Auftritte, Kollaborationen unter anderem mit befreundeten Künstlern wie JORIS oder Max Giesinger. Am 2. September spielt die Singer-Songwriterin vor einzigartiger Kulisse in der Festung Grauerort – ein absolutes Highlight des diejährigen Holk Kulturfestivals vom STADEUM. Im Gespräch mit Stader Brise Redakteurin Julia Balzer verrät die Ausnahmekünstlerin, wie ihre Songs entstehen und worauf sich das Publikum freuen kann …

Erzähl doch mal etwas über deine Anfänge, Lotte. Wie und wann bist du entdeckt worden?

Musik war schon in meinem Leben, bevor ich laufen konnte. Meine Eltern haben meinen Geschwistern und mir immer vorgesungen und auch selbst Musik gemacht. So ist sie schon immer ein Wohlfühlort für mich gewesen und irgendwann mit meinen ersten Songs sogar Tagebuch und beste Freundin.

Als ich dann mit der Schule fertig war, bin ich mit meiner Gitarre zur Popakademie in Mannheim gefahren und hab dort meine eigenen Songs vorgespielt. Die Art, wie ich über meine Gefühle schreibe und aus meinem Leben erzähle, hat scheinbar ein paar Menschen bewegt, denn ich habe dort direkt einen Plattenvertrag bekommen. Seither hat sich mein Leben auf den Kopf gedreht. 

Du schreibst also deine Songs selbst?

Meine Lieder sind autobiographisch. Das heißt, ich schreibe über das, was ich fühle und erlebe.

Bevor ein Song entsteht, muss mich also erstmal was bewegen. Mit dem Gefühl kommt dann ein Thema, vielleicht eine Melodieidee und erst dann gehe ich gerne ins Studio – sehr gerne auch mit anderen KünsterInnen oder SongwriterInnen zusammen. Ich mag es, Ping-Pong zu spielen, Ideen hin und her zu werfen und gemeinsam kreativ zu sein.

Wie entsteht die Musik, wie die Texte?

Die Musik entsteht für mich intuitiv. Ich setze mich an die Gitarre oder ans Klavier, spiele ein paar Akkorde und singe einfach drauf los. Oft habe ich schon ein Thema im Hinterkopf und suche nach Melodien, die dasselbe Gefühl tragen.

Der Text braucht dann deutlich mehr Zeit. Nur selten fließt so ein Text in zwei Stunden raus. Normalerweise sitze ich dann über Tage, suche Worte, Wortspiele, Sätze, die besten Bilder, um das zu beschreiben, was in mir vorgeht.

Worauf kann sich das Publikum am 2.9. in Stade freuen?

Es ist unglaublich schön, wieder Live zu spielen! Wir haben da jetzt zwei Jahre drauf gewartet und umso schöner ist es, wieder gemeinsam mit einem großen Publikum für eine Nacht den Rest der Welt zu vergessen.

Wir haben uns für diesen Sommer mit meiner Band ein Live-Set überlegt, das vor allem zum Loslassen und Tanzen da ist. Ein paar alte Songs haben neue Versionen bekommen, es gibt also auf jeden Fall was zu entdecken.  Den Tiefgang meines neuen Albums bewahre ich mir für unsere „LASS DIE MUSIK AN -TOUR“ im November auf.

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„WORAN HÄLTST DU DICH FEST, WENN ALLES ZERBRICHT?“ lautet der Titel deines neuen Albums. Worum geht es in diesem Song und was ist im wahren Leben deine Antwort auf diese Frage?

So heißt tatsächlich nicht nur das Album, sondern sogar zwei Tracks des Albums. Das Album beginnt und endet mit dieser Frage. Zur Antwort: Wenn wirklich alles zerbricht, dann möchte ich mich an mir selbst festhalten können. Ich will wissen, wer ich bin, Selbstvertrauen und Selbstliebe kennen und zu mir stehen können. Stark verwurzelt und trotzdem frei. Für mich fasst diese Frage das Album super zusammen, weil ich mich darauf zeige, wie ich wirklich bin – mit all den schönen und den dunklen Seiten. Sich so zu zeigen, dieser Prozess führt für mich genau zur Antwort der Frage: zu mehr Selbstvertrauen und mehr Liebe für mich selbst. Ich stehe nach dem Album viel stolzer und freier da als zuvor und mag alle meine Seiten.

Es sind also sehr persönliche Themen, die in deinem dritten Album behandelt werden. Es sind dann wohl autobiographische Songs von dir. Worum geht es genau?

Ja, das Album ist sehr inhaltlich und an manchen Stellen auch keine leichte Kost. Alle Songs erzählen aus meinem Leben, egal ob es da um unerwartete Liebe geht, Hochsensibilität, Dankbarkeit oder schwerere Themen wie sexualisierte Gewalt, Panikattacken und mentale Gesundheit.

Ist das Album während der Corona-Zeit entstanden? Welchen Einfluss hatte diese Zeit darauf?

Das Album ist während der Pandemie entstanden – auf einmal war da sehr viel mehr Zeit als gedacht, Zeit um mal runterzufahren, zu reflektieren, den Status quo zu checken: wo steh ich gerade und wo will ich eigentlich hin?

Mir ist dabei aufgefallen, dass ich oft noch damit struggle, einfach zu mir zu stehen und auch die weniger „perfekten“ Seiten von mir in der Öffentlichkeit zu zeigen. Das wollte ich ändern und dabei ist dieses Album entstanden. Wir hatten auf einmal auch für die Produktion super viel Zeit, weil ja keine Tour mehr anstand. Also hatte ich richtig Raum, in jeden Sound reinzugehen. Viele Songs haben wir mehrfach produziert, und dieses Album ist voll von Liebe zum Detail. Ich denke das hört man auch.

Zu guter Letzt: Vier Entweder-oder-Fragen …

Bühne oder Studio?

Beides! Nur in umgedrehter Reihenfolge. Das geht für mich Hand und Hand. Wie Schlafen und Wach sein – eins geht nicht ohne das andere.

Große oder Sofa Konzerte?

Nach zwei Jahren ohne Großveranstaltungen liebe ich es gerade sehr, wieder auf den großen Bühnen zu stehen. Also wäre das gerade meine Antwort. Kann sich aber in ein paar Monaten komplett drehen. 

Lieber ernste Songtexte oder leichte Themen?

Alles zu seiner Zeit – gerade habe ich ein Album gemacht, das sehr ernst und inhaltlich ist. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass das nächste Album ganz anders wird.

Lieber Kleinstadt oder Großstadt

Ich brauche gerade den Trubel und den Input der Großstadt. Die Möglichkeit auf Konzerte zu gehen, mit verschiedenen Produzenten und KünstlerInnen zu arbeiten. Also für jetzt: Großstadt.

Vielen Dank für das Gespräch, Lotte!