v.l.: Dr. Andreas Schäfer, Dr. Sebastian Möllers, Intendantin Silvia Stolz

Vom Virus infiziert: Die Kunst und die Kultur

„Wir sind viel mehr als Unterhaltung“, sagen Silvia Stolz, Geschäftsführerin und Intendantin des STADEUM, Dr. Sebastian Möllers als Leiter der Museen in Stade und Dr. Andreas Schäfer, Chef der STADE Marketing und Tourismus GmbH sowie als Stabstelle Kultur bei der Hansestadt Stade als Reaktion einstimmig auf die jüngst verordneten Corona-Maßnahmen. In der Verordnung heißt es, dass „Freizeiteinrichtungen“ wie Kinos, Theater und Opernhäuser ihren Betrieb einstellen sollten. Museen waren zunächst nicht explizit erwähnt worden, wurden dann aber nachträglich mit in die Liste aufgenommen. Hat man sie vergessen? Lässt sich hieraus die Wertschätzung von Kultureinrichtungen ablesen? Stader Brise Redakteurin Julia Balzer im Gespräch mit den Kulturverantwortlichen in der Hansestadt Stade…

Welche Bedeutung haben kulturelle Veranstaltungen und Einrichtungen eigentlich für die Gesellschaft? Was fehlt den Menschen, wenn Kunst und Kultur nicht stattfinden? 

Die drei kulturellen Vertreter der Stadt Stade sind sich einig, dass der Wegfall des kulturellen Angebots während des „Light-Lockdowns“ nicht förderlich für das Gefühl ist, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Gemeinschaftliche Erlebnisse, ein Begegnungsort für den Austausch untereinander und die Möglichkeit der kulturellen Bildung entfallen. „Menschen brauchen Bezugspunkte, die die Kultur bietet“, sagt Dr. Sebastian Möllers und Silvia Stolz fügt an, „dass Menschen den Sinn nicht nur in Gottesdiensten finden, sondern auch in der Kultur“. Umso bedauerlicher sei die Schließung aller Kulturstätten, zumal nicht nur Hygieneanforderungen sorgfältig umgesetzt wurden, sondern diese Stätten auch aufgrund ihrer Größe die Möglichkeit bieten, Abstandsregeln einzuhalten. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und unsere Gäste haben sich sicher gefühlt“, hört man die Enttäuschung heraus. „Im Sommer waren insbesondere ältere Menschen froh, wieder zu uns kommen zu dürfen. Sie empfanden kein Risiko dabei, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten, da Distanz und Sicherheit gegeben waren. Die Einsamkeit des Corona-Frühjahrs war endlich vorbei“, erzählt Dr. Sebastian Möllers von den Reaktionen seiner Besucher.

Welche Folgen könnte das Herunterfahren kultureller Veranstaltungen haben?
Für die Menschen? Für die Hansestadt Stade?

Silvia Stolz verweist auf die nicht messbaren Werte der Kultur: „Unsere Aufgabe ist der Erhalt des kulturellen Erbes, das unsere gesellschaftliche Identität stärkt. Die Kunstform „Theater“ bringt kulturelle Bildung in alle Gesellschafts- und Altersschichten; es vermittelt Werte und Wissen sowie den Anreiz, eine Haltung einzunehmen. Es bringt uns als Gesellschaft weiter und es fördert Integration. Es ist weit mehr als Unterhaltung!“ 

Für Dr. Andreas Schäfer birgt Kultur darüber hinaus auch ein wirtschaftliches Potential: „Kultur kostet, aber Kultur rechnet sich auch. Jeder Tagestourist in Stade gibt im Durchschnitt 20 Euro pro Tag aus; jeder Kulturtourist sogar mehr als 50 Euro. Profiteure sind insbesondere das Gastgewerbe und der Einzelhandel, jährlich besuchen mehr als 3 Millionen Besucher Stade. Fallen diese Touristen weg, weil das Angebot fehlt, wird weniger Geld in der Stadt ausgegeben und in die Stadtkasse gespült.“ Insbesondere das Kunsthaus und der Schwedenspeicher ziehen jedes Jahr zahlreiche Touristen in die Stadt, die nur wegen der Ausstellungen hierherkommen. Sie machen einen Großteil der Museumsbesucher aus, die den Besuch in der Hansestadt mit Übernachtung, Restaurantbesuch und/oder einen Einkaufsbummel verbinden. Zum „Müssen Alle Mit Festival“ kommen über die Hälfte der Besucher aus der Metropolregion Hamburg und auch das STADEUM zählt 25 Prozent seiner Kulturbesucher aus dem überregionalen Raum. Das sind dann ca. 18.000 Kulturbesucher, die Geld über die Eintrittskarte hinaus in der Stadt ausgeben. Messen, Kongresse und gesellschaftliche Events im STADEUM ziehen weitere überregionale Besucher an.

Auch auf der Suche nach Fachkräften muss die Hansestadt Stade punkten können. „Kultur ist ein Indikator für Lebensqualität und heute mehr denn je ein sowohl weicher als auch harter Standortfaktor für die Stadt Stade“, sagt Dr. Andreas Schäfer. Um den Wirtschaftsstandort Stade zu stärken, müssen kulturelle Leistungen geboten werden – nicht zuletzt auch, um ein positives Image der Stadt darzustellen. Das Angebot an Kunst und Kultur unterliegt jedoch der Freiwilligkeit der Kommunen und könnte aufgrund der wirtschaftlichen Folgen durch die Pandemie gefährdet sein. Aktuell entfallen 3,7 Millionen Euro der Gesamtausgaben von 129 Millionen Euro der Stadt Stade auf die Bereiche Kultur und Tourismus. Dieser Zahl gegenübergestellt werden kann die stolze Zahl von fast 80 Millionen Einnahmen durch den Tourismus, noch nicht einberechnet die zahlungskräftigen Kulturtouristen.

Wie geht es weiter? 

Das kann niemand sagen. „Vielleicht sitzen wir in zwei Jahren zusammen und können sagen, dass wir gestärkt aus der Krise gegangen sind. Dass wir zum Beispiel digitale Projekte ausprobiert und für gut befunden haben – wer weiß das?“, sagt Dr. Sebastian Möllers. Es wird deutlich, dass sich alle Planungssicherheit wünschen. Silvia Stolz ergänzt: „Wir brauchen eine Perspektive – für uns als Unternehmen, für die vielen Künstler, die nicht nur emotional, sondern auch wirtschaftlich unter der Krise leiden und für die Mitarbeiter*innen.“ Alle stehen in den Startlöchern für die Wiederaufnahme des Betriebs und zählen auf die Unterstützung der Stader Bürgerinnen und Bürger – für den Erhalt von Kunst und Kultur als gesellschaftliche Aufgabe und zur Stärkung des Tourismusstandortes Stade. 

Peter Kühn von der Seminarturnhalle in Stade ist ebenso von der Schließung seiner Kulturstätte während des zweiten Lockdowns betroffen.

Die Seminarturnhalle fasst 199 Besucher*innen; nach Umsetzung aller geforderten Hygienemaßnahmen konnte sie im Sommer für 45 Gäste Platz bieten. „Das ist nicht wirtschaftlich“, sagt Peter Kühn und ist bei allem Unmut froh darüber, dass sich die Gäste in seinen Räumlichkeiten nicht verloren haben. Viel mehr Sorgen macht er sich darüber, was den Menschen fehlt in Zeiten coronabedingter Kulturlosigkeit? „Den Menschen fehlt das gemeinschaftliche und gleichzeitige Erlebnis, sie können ihrer Sehnsucht nach Kommunikation nicht nachkommen. Kultur regt zum Austausch untereinander an und die Menschen lieben Kultur als Form des gesellschaftlichen Diskurses.“ Fehle dies, werden die psychische Belastung und Depressionen zunehmen, ist er sich sicher. Denn der Mensch sei kein Solowesen und sucht geradezu ein Umfeld der geistigen Inspiration und Unterstützung in seinem täglichen Tun.

„Es schmerzt, nicht das tun zu dürfen, wofür wir uns verantwortlich fühlen: den Menschen etwas zu bieten, das ihnen wichtig ist“.

Peter Kühn, Geschäftsführung Seminarturnhalle Stade