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© Martin Elsen

Im Gespräch: Egon Ahrens verlässt die Bühne. Vorhang auf für Silvia Stolz!

Seit dem 1. Oktober 2018 bereitet sich Silvia Stolz (38) auf ihre neue Aufgabe als Geschäftsführerin und Intendantin des STADEUM vor und löst damit den amtierenden Geschäftsführer und Intendanten Egon Ahrens ab, der am 30. November 2018 in den Ruhestand verabschiedet wird. Stader Brise Redakteurin Julia Balzer im Gespräch mit den beiden.

Herzlich willkommen in Stade, Frau Stolz. Sie sind gerade von Memmingen in Schwaben hier in den Norden gezogen. Welchen ersten Eindruck haben Sie und wie läuft der Übergang?

Silvia Stolz: Fließend! Nach der ersten Aufregung bei meiner Ankunft in Stade, dem Kennenlernen des Teams, das mich hier erwartet und herzlich willkommen geheißen hat, kann ich sagen: Es läuft prima. Es ist spannend, die Menschen hier oben kennenzulernen und jetzt schon festzustellen, dass meine Vorstellung von den Norddeutschen, direkter zu sein, stimmt. Und das ist gut so. Ich habe mit Respekt und Freude diese Aufgabe angenommen und habe ein gutes Gefühl dabei.

Egon Ahrens: Wir tauschen uns aus in diesen acht Wochen des Übergangs, lernen gemeinsam die Partner, Freunde und Förderer des STADEUMs kennen und führen viele Gespräche, damit Frau Stolz einen guten Einblick erhält. Wir stellen fest, dass wir in den grundlegenden Themen übereinstimmen, aber manchmal auch unterschiedlicher Auffassung sind. Aber das darf so sein und liegt in der Natur der Sache. Jeder Anfang bietet die Gelegenheit, neue Ideen und Impulse einzubringen.

Wie sehen die neuen Ideen und Impulse aus?

Silvia Stolz: Erst einmal nehme ich mir Zeit, die Besucher kennenzulernen. Ich möchte dem STADEUM nicht ein Konzept überstülpen, das nicht zu den Menschen hier aus der Region passt. Es ist wichtig, das Publikum und die Kunst und Kultur ganzheitlich zu betrachten und sich danach auszurichten. Eine Vielfalt an unterschiedlichen Genres, eine Mischung aus klassischem Repertoire bis zur Moderne – das ist das, wofür das STADEUM heute steht und gleichzeitig mein eigener Anspruch, dies auszubauen. Zudem wünsche ich mir, mit der Auswahl von Künstlern und Produktionen noch mehr den Dialog in der Gesellschaft zu fördern und zu einem differenzierten Nachdenken über aktuelle Gesellschaftsthemen anzuregen.

Egon Ahrens: Wir haben einen Kulturauftrag zu erfüllen. Es gehört zu einer der Herausforderungen, in einem Kulturzentrum einer Kleinstadt wie dem STADEUM in Stade die Balance zwischen Unterhaltung, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftspolitischem Anspruch zu finden. Deshalb ist es meiner Ansicht nach auch schwieriger, ein Haus wie dieses zu führen als eines in einer Metropole.

Was wird sich verändern in der Kulturlandschaft und was bedeutet das für das STADEUM?

Silvia Stolz: Die gesellschaftlichen Veränderungen wirken sich auch auf die Kultur aus. Der Wunsch nach größtmöglicher Flexibilität oder das riesengroße Angebot an medialer Unterhaltung erfordern, dass wir uns immer wieder an das Publikum anpassen müssen: Mit der Auswahl des Programmes, der Künstler und Themen. Oder auch durch mögliche Veränderungen in den Abonnementstrukturen. Die Kulturbranche muss ein Gefühl für die gesellschaftspolitischen Themen der Zeit entwickeln und entsprechend reagieren. Es gibt nicht mehr nur „das Publikum“, es gibt verschiedene „Publikümer“. Schauen wir uns Wahlergebnisse an. Hier wird anhand der Wählerwanderung zu unterschiedlichen Parteien deutlich, wie schwierig es ist, breite Wählerschaften zu erreichen.  So vielschichtig sind unsere Gäste auch.

Egon Ahrens: Kultur wird immer mehr zu einem Erlebnis werden. Ähnlich wie beim Einkaufen. Diesem Trend müssen wir auch hier in der Fläche gerecht werden. Aber wir sind mit unseren Rahmenprogrammen wie zum Beispiel dem Back-Workshop zur Weihnachtszeit oder der „Ladies Night“ auf gutem Weg, den Frau Stolz mit ihrem Team weiter ausbauen kann.

Was sollte in jedem Fall erhalten bleiben?

Egon Ahrens:  Jedes Angebot, das wir im STADEUM haben, liegt mir am Herzen, eben weil vieles auch gewachsen ist: Die gute Kooperation mit den Schulen, damit das Kinder- und Jugendtheaterangebot erhalten bleibt, der 2004 gegründete Förderkreis, ein Zusammenschluss vieler Freunde und Förderer, ohne die viele (Kleinkunst-)Projekte nicht realisiert werden könnten oder die „Alles Gute-Stiftung“ der Kreissparkasse Stade. Natürlich auch das Holk Kulturfestival, die besondere Mischung, die alle Genres bedient. Ich denke, hier befinden Frau Stolz und ich uns auf gleicher Wellenlänge. Einige Dinge werden sicherlich eine andere Tonung bekommen.

Silvia Stolz: Da mir sehr der Kinder- und Jugendbereich am Herzen liegt, unterstütze ich natürlich weiterhin auch dieses Engagement. Grundsätzlich möchte ich diesem Bereich einen größeren Fokus geben, um mehr Kinder und Jugendliche für Kultur und Theater zu begeistern. Ich freue mich zum Beispiel schon sehr auf „Hänsel und Gretel“ im Frühjahr 2019, eine Familienoper für Jung und Alt.

Wie wünschen Sie sich das STADEUM in fünf Jahren?

Silvia Stolz: Ich wünsche mir, dass es noch mehr Besucher aller Altersgruppen in dieses großartige Kultur-, Tagungs- und Veranstaltungszentrum ziehen wird und es den Platz unter den Top 10 unter 400 vergleichbaren Gastspielhäusern in Deutschland halten wird. Ich wünsche mir neue Formate, ein noch schärferes Profil auch in der Abonnementstruktur. Auch hier müssen wir uns den sich stetig verändernden Wünschen der „Publikümer“ anpassen und das Abo so gestalten, dass unsere Gäste alles können und nichts müssen. Auch wünsche ich mir, dass sich der mediale Hype abschwächen und die Sehnsucht nach realem Schauspiel zunehmen wird. Denn der Virtualität kann man nicht glauben. Und wenn Realität und Authentizität wieder an Wichtigkeit gewinnen, sind wir mit unserm Gastspielhaus da. 

Egon Ahrens: Ich denke auch, dass Gastpielhäusern wie dem STADEUM wieder eine größere Bedeutung zukommen wird, besonders in der Fläche. Viele Kommunen werden sie sich nicht mehr leisten können, so dass den verbleibenden ihre Funktion als Kulturstätte umso wichtiger ist. Das STADEUM als Veranstaltungszentrum, das auf drei Säulen basiert – Zentrum für Kultur, Tagungen, Kongresse sowie Messen und gesellschaftliche Veranstaltungen – wird daher auch in Zukunft gut aufgestellt sein. Eine stetige Weiterentwicklung ist natürlich unabdingbar. Nun freuen wir uns zum Beispiel auf ein neues Format der Frühjahrsmesse „LebensWelten“, die sich an das alte Konzept der bekannten Messe „Stade aktuell“ anlehnt. Durch die Einteilung in vier Themenwelten KinderWelt, Bau- und WohnWelt, GesundheitsWelt und FreizeitWelt wird die Messe neu strukturiert und übersichtlicher gestaltet werden. Dies ist zwar noch eine Veränderung, die aus der Feder der „alten“ STADEUM-Leitung kommt, aber Frau Stolz wird mit ihrer hervorragenden Expertise sicherlich an weiteren Stellschrauben drehen, um das STADEUM für ein breites Publikum in eine vielversprechende Zukunft zu führen.

Über: Vita Silvia Stolz

Geboren 1980 in Dillingen a. d. Donau, nach dem Abitur erfolgte ein einjähriger Auslandsaufenthalt in Nepal und Tibet. Danach Studium zur Dipl.-Dramaturgin an der Ludwig-Maximilans-Universität und der Theaterakademie August Everding in München, außerdem Weiterbildung zur Kulturmanagerin an der Leibniz Universität Hannover. Nach Projekten und Produktionsdramaturgien am Theater Augsburg, Bayerischen Staatsschauspiel, Metropoltheater München und Prinzregententheater in München und der Freien Szene führte sie ihr erstes Festengagement als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Dramaturgin ans Theater Ingolstadt.

Ab 2009 war Silvia Stolz bei der Konzertdirektion Landgraf, Deutschlands größtem Tourneetheater, engagiert und leitete dort die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, arbeitete auch als Dramaturgin, übernahm Romandramatisierungen, Produktionsleitungen sowie Disposition und Veranstaltungsmanagement. Sie verantwortete außerdem den Bereich der Eigenveranstaltungen, die in ganz Deutschland stattfanden.

Ab 2012 leitete sie die Abteilung ‚Eigenveranstaltungen‘ an der Stadthalle Gifhorn, einem Kulturzentrum. Zu ihren Aufgaben gehörten neben der Spielplan- und Programmgestaltung auch das Veranstaltungsmanagement, die Disposition und die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ab 2016 war Silvia Stolz als Leiterin der Abteilung Kommunikation und Dramaturgin Leitungsmitglied am Landestheater Schwaben in Memmingen. Sie ist Doktorandin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim mit einem Thema, welches das Theater in der Fläche fokussiert.